Ein Autor – eine Klasse für sich

Georges Simenon ist ein Autor der Superlative. Er ist der meistgelesene, meistübersetzte und meistverfilmte Autor der 20. Jahrhunderts. Weltweit wurden 800 Millionen seiner Bücher verkauft. Über 70 Kino- und rund 400 TV-Filme sind auf Basis seiner Romane entstanden. Kaum ein anderer Autor hat eine so vielschichtige Menge von Menschen begeistert wie Georges Simenon – Schauspieler, Regisseure, Journalisten und andere Autoren halten ihn für einen der Besten.

 

Ein Leben der Extreme

Georges Simenons Leben war geprägt von Extremen, Rastlosigkeit und einer fortwährenden Suche nach neuen Impulsen. Um einen Roman zu schreiben, brauchte er selten länger als zehn Tage, er bereiste die halbe Welt und wohnte in fast dreißig verschiedenen Wohnungen, war zweimal verheiratet und unterhielt Verhältnisse mit unzähligen Frauen. Abwechselnd genoss er das wilde Partyleben im Paris der dreißiger Jahre und die Ruhe auf dem Land, wo er auch die Kriegsjahre überstand. Nach 1945 war er Gentlemanfarmer in Arizona und Connecticut, fuhr mit seinem eigenen Boot durch Europa, bewohnte Villen und Schlösser an der Côte d’Azur und schließlich in der Schweiz, wo er zum ersten Mal ein eigenes Haus baute: mit über zwanzig Zimmern und dem damals größten privaten Schwimmbad. Als er 1972 mit dem Schreiben aufhörte, verkaufte er das Haus und seinen Rolls-Royce und entließ seine Bediensteten. Simenon starb am 4. September 1989 in seinem bescheidenen rosa Häuschen in Lausanne.

Georges Simenon

Georges Simenon

Das Selbstverständnis als Schriftsteller

1929 schuf er seine bekannteste Figur, die ihn reich und weltberühmt machte: Kommissar Maigret. Aber Simenon war nicht zufrieden, er sehnte sich nach dem »großen« Roman, ohne jedes Verbrechen, der den Leser nur durch psychologische Spannung in seinen Bann ziehen sollte. Er war auf der Suche nach dem »homme nu«, dem »nackten Menschen«, dem Urwesen. Seine Romane ohne Maigret erschienen ab 1931 und machten ihn zu einem ebenso erfolgreichen wie bewunderten Autor. 1972 brach er bei seinem 193. Roman die Arbeit ab und ließ die Berufsbezeichnung »Schriftsteller« aus seinem Pass streichen. »Was in meinem Leben zählte, das war die Wärme der Sonne auf meiner Haut, oder die eines Holzfeuers im Winter, das waren besonders die Märkte in La Rochelle, in Cannes, in Connecticut und anderswo. Der Geschmack von Gemüse und Früchten. Der Metzger, der riesige Fleischstücke schneidet. Fisch, der auf großen Platten liegt. In meinem Leben habe ich gelernt, dass all das gut und wichtig ist. Der Rest sind bloß Anekdoten und Stoff für die Journalisten.«

Alles verstehen und nicht urteilen

Simenons Bücher sind zeitlos und werden bis heute auf der ganzen Welt gelesen. Der Autor nähert sich seinen Figuren – Tätern wir Opfern – mit unvergleichlicher Empathie. Nicht das Verbrechen an sich oder die Bestrafung des Täters interessieren ihn, sondern die Motive, Leidenschaften, kleinen Schwächen und Träume seiner Protagonisten. Seine Romane zeigen, wie leicht es ist, durch bestimmte Lebensumstände vom vermeintlich rechten Weg abzukommen. Wie dicht im Grunde jeder von uns in jeder Situation seines Lebens am Abgrund steht.

In Simenons Romanen spürt man seine unstillbare Neugier auf Menschen. Beim Schreiben verarbeitet er seine eigenen Dämonen und Beziehungen, das macht seine Figuren und Geschichten authentisch. Stets versucht er, die menschliche Natur zu verstehen. Ihn fasziniert das Rätsel, die Beweggründe der Menschen.

Im Mittelpunkt jedes Romans stehen nicht die Verbrechen oder ihre Aufklärung. Nie schaut man als Leser zu, wenn ein Mord geschieht. Im Mittelpunkt der Geschichten steht vielmehr das menschliche Schicksal, ob groß oder klein. Vermeintlich »kleine Leute« (wobei sich Simenon gegen diesen Ausdruck verwehrt hätte) wie Hafenarbeiter oder Prostituierte kommen ebenso ins Straucheln wie die Reichen und Schönen der Gesellschaft. Die Figuren fühlen sich häufig aufgrund ihrer persönlichen Situation am Limit und zu extremen Handlungen gezwungen. So kommt das Schicksal ins Rollen. Dabei wird deutlich, dass es keine Gewinner gibt: Das Opfer ist tot, und der Täter verliert ebenfalls sein Leben. Das Leben ist schön, aber gleichzeitig fragil und entsetzlich.

Die besondere Neugier Simenons auf alles, was ihn umgibt, kommt auch seiner Beschreibung der Schauplätze zugute. Man kann Orte und Zeiten förmlich riechen und schmecken, taucht in das Paris der Mitte des vergangenen Jahrhunderts ebenso ein wie in das mondäne Leben an der Côte d´Azur, in eine amerikanische Kleinstadt oder exotische Landschaften Afrikas oder Südamerikas.

Simenons Romane sind Lesefutter. Seine Botschaft der Toleranz für fremde Kulturen, das Sichtbarmachen gesellschaftlicher Missstände und seine Neugier auf Menschen machen seine Bücher gerade in der heutigen Zeit höchst lesenswert.

Georges Simenon

Verantwortlich für den Inhalt und Betrieb dieser Seite ist die Hoffmann und Campe Verlag GmbH. Impressum | Datenschutz